Aus den Wirren der Berufswahl

– Meine Geschichte zur persönlichen Berufung –

Kaum hielt ich mein Zeugnis der Fachoberschule in der Hand, platzte mein Briefkasten vor lauter Stellenanzeigen für die Berufsausbildung. Welcher junge Mensch kennt das nicht? »Jetzt beginnt der Ernst des Lebens!«, hörte man von allen Seiten. Zwischen Prüfungsstress, Orientierungslosigkeit und fehlender Motivation passierte alles wahnsinnig schnell, und ehe ich einen klaren Gedanken fassen konnte, waren die Bewerbungsfristen für die Ausbildungsplätze schon verstrichen.

Plötzlich sah ich mich mit beunruhigenden Fragen konfrontiert: Woran liegt das? Hängen da Ängste mit drin? Warum sind so viele von chronischer »Aufschieberitis« betroffen, wenn es um ihre Zukunftsplanung geht? Meine Erkenntnis: Ich habe Angst davor, in das »harte Berufsleben« einzusteigen und am Ende vielleicht die falsche Entscheidung zu treffen. Denn die Konsequenzen daraus scheinen riesig und unumstößlich zu sein. Und wie treffe ich diese Entscheidung überhaupt, ohne eine echte Orientierung?

Von Beratungsresistenz zur Selbsthilfe

Wie die Schule es so empfiehlt, besuchte ich daraufhin die Berufsberatung der Agentur für Arbeit, um Klarheit für mich zu schaffen. Dafür sollte ich mein Zeugnis, meinen Lebenslauf und andere Dokumente vorlegen – und schon ging es los: Medizinische Fachangestellte, Einzelhandels- oder doch Sport- und Fitnesskauffrau? Die gute Frau hinter dem Schreibtisch versuchte mir einen Beruf zu empfehlen, nach einem kurzen Blick auf meine Schulnoten und einem 2-minütigen Gespräch. Keine Nachfragen zu meinen Interessen oder Talenten, geschweige denn meinen Wünsche und Träumen für die Zukunft. So sollte ich eine der wichtigsten Entscheidungen meines jungen Lebens treffen. Das ist doch zum Scheitern verurteilt.

Genauso schlau wie vorher, wusste ich nicht, welchen Beruf ich angehen möchte. Doch ein Impuls blitzte bei meinen Überlegungen immer wieder hell auf: etwas Kreatives! Aber keiner der vorgeschlagenen Berufe hatte auch nur im Ansatz etwas mit Kreativität zu tun. Also musste ich selbst anfangen zu suchen. Ich durchforstete sämtliche Jobportale, informierte mich über gefühlt 1000 Berufe, und versuchte, mir ihren realen Berufsalltag vorzustellen. Dann stieß ich auf etwas: Mediengestalterin! Es war der einzige Beruf, den ich mir wirklich vorstellen konnte, bei dem ich die Hoffnung hatte, meiner Kreativität freien Lauf lassen zu können – und gut bezahlt war er auch noch.

Ich bat die Berufsberaterin, mir alle freien Stellen der Mediengestaltung auszudrucken und bewarb mich. Sehr schnell fand ich meinen Platz, mein Team und meine Leidenschaft. In diesem Prozess entdeckte ich weitere Möglichkeiten mich motiviert einzubringen und kreativ zu entfalten, die mir noch mehr entsprachen. Dieser Weg entwickelte sich ganz organisch weiter, weil ich seit dem ersten Schritt auf meine innere Stimme gehört habe.

Working 9 to 5 oder was?

Könnte ich die Zeit zurückdrehen, würde ich der damaligen Marina raten, ihren Weg ganz genau und vor allem in Ruhe zu suchen. Sonst wäre es mir vielleicht wie so vielen jungen Menschen ergangen: sie gehen so einer Empfehlung nach, die wenig bis nichts mit ihnen persönlich zu tun hat, und üben dann einen Beruf aus, für den sie sich nicht begeistern können. Aber weil ihnen »die Zeit davon rennt und man ja was Anständiges lernen muss«, machen sie weiter. Berufseinsteiger stehen in dieser Phase unter enormem Druck, sei es wegen der Eltern, der Schule oder der Gesellschaft.

Viele spüren innerlich, wie unglücklich sie der Beruf macht, doch aufhören kommt nicht in Frage, weil »man ja etwas Angefangenes zu Ende bringen sollte«. Und plötzlich finden sie sich in einem Alltag wieder, der nicht ihnen gehört, zählen die Sekunden, bis der Zeiger auf fünf Uhr steht und sie endlich nach Hause gehen können. So geht es nonstop weiter, jede Woche, fünf Tage lang, acht Stunden Arbeiten und auf das Wochenende warten. Und das soll das Berufsleben sein? Eindeutig verschwendete Lebenszeit!

Finde dein inneres Feuer

Zwischen Prüfungsstress und Bewerbungsfristen passiert also die wichtigste Entscheidung eines jungen Lebens – und damit meine ich nicht die Berufswahl. Du kannst dich entscheiden, ob du einen Weg wählst, nur weil ihn andere bereits gegangen sind und ihn deshalb allen empfehlen – oder ob du deinem inneren Feuer folgst und deine eigene Richtung entdeckst, die so individuell sein kann, wie der Mensch an sich.

Dann fühlt sich dieses negativ behaftete Wort »Arbeit« auf einmal ganz anders an. Du bemerkst plötzlich, wie du dich auf den Montag freust, weil du deine wertvolle Lebenszeit für etwas Sinnvolles nutzt. Mach dir bewusst, dass keiner eine so gute Entscheidung für dich treffen kann, wie du selbst. Die Menschen leben in ihrer Realität, mit ihren Erfahrungen. Empfehlungen können natürlich hilfreich sein, aber du kannst immer hinterfragen, ob sie dir und deinen Ideen und Wünschen entsprechen.

So findest du dein inneres Feuer, bleibst an deinen eigenen Zielen dran – und gestaltest eine neue Generation mit, die ihre Zukunft selbst in die Hand nimmt.